Nathaniel Hawthorne

Daß Nathaniel Hawthorne, neben Herman Melville der bedeutendste US-amerikanische Romancier des 19. Jahrhunderts, in Deutschland bis heute fast unbekannt geblieben ist, mutet recht merkwürdig an, denn er ist beinahe ein amerikanischer Thomas Mann: Die dialektische, These und Antithese gegeneinander abwägende Schreibweise, der in mehrere Perioden aufgeteilte Satzbau, die Vermählung von Spannung und Gelassenheit zur Ironie, die unendliche Liebe zum Detail, der tiefe Blick in den Brunnen der Vergangenheit und die ausgesprochene Neigung zur Archaisierung der Sprache; vor allen Dingen aber das Hauptthema, die Hoffnung auf Gnade entgegen jeglicher Wahrscheinlichkeit — es ist alles da, bei Hawthorne wie bei Thomas Mann. Der dramatische Höhepunkt des jeweiligen Hauptwerkes beider Schriftsteller besteht aus einer Generalbeichte vor versammeltem Publikum — im Augenblick des Todes bei Arthur Dimmesdale; im Augenblick des geistigen Zusammenbruchs, ein knappes Jahrhundert später, bei Adrian Leverkühn. Thomas Mann selbst scheint das Werk des amerikanischen Kollegen nicht gekannt zu haben; in der gesamten Essayistik Thomas Manns wird Nathaniel Hawthorne kein einziges Mal erwähnt.

Wie Thomas Mann war Hawthorne das Produkt des „Verfalls einer Familie“. Zu ihrer höchsten Blütezeit waren die Manns Senatoren in Lübeck; ab 1630 waren die Hathornes (das „w“ war eine Erfindung Nathaniels) Richter in der neugegründeten Siedlung Salem. Der erste Hathorne auf amerikanischem Boden ließ die friedlichen Quäker, da sie eine Konkurrenzsekte zu den herrschenden Puritanern bildeten, öffentlich auspeitschen; sein Sohn John Hathorne verurteilte gegen Ende des 17. Jahrhunderts Hexen zum Tode auf dem Scheiterhaufen. Dies wurde vom am 4. Juli 1804 geborenen Nathaniel geradezu als Fluch empfunden, und er setzte sich, wie heute in Deutschland die Nachkommen nationalsozialistischer Eltern und Großeltern, mit der Geschichte seiner Familie auseinander. Diese Familie war mittlerweile verarmt, und Hawthorne mußte im Zollhaus langweilige und schlecht bezahlte Arbeit verrichten, um sich und seine Familie zu ernähren.

Er mag dies als eine Strafe für eine unbestimmte Schuld empfunden haben, die er auf sich lasten spürte und die sich nicht auf die Missetaten seiner Vorfahren beschränkte. Der Vater, ein Schiffskapitän, verstarb, als Hawthorne vier Jahre alt war. Laut der psychoanalytischen Theorie Sigmund Freuds befinden sich Kinder in diesem Alter mitten in der „ödipalen Krise“: Sie wollen sich verselbständigen, sie wollen die Liebe des andersgeschlechtlichen Elternteils für sich allein erobern und wünschen dem gleichgeschlechtlichen Elternteil deshalb den Tod; gleichzeitig sind sie auf den Schutz des gleichgeschlechtlichen Elternteils angewiesen. Wenn ein Elternteil, dessen Kind ihm den Tod gewünscht hat, tatsächlich stirbt, empfindet sich das Kind womöglich lebenslang bewußt oder (häufiger) unbewußt als Mörder und muß sich fortwährend selbst bestrafen. Zu allem Überfluß hat sich Nathaniels Mutter nach dem Tod ihres Mannes verschlossen und depressiv von ihren Kindern zurückgezogen. Vermutlich aus all diesen tiefenpsychologischen Gründen handeln fast alle literarischen Schöpfungen Hawthornes von einem uralten, verheimlichten Verbrechen, das jegliche Lebensfreude vergiftet, das mit unerbitterlicher Notwendigkeit aufgedeckt und gesühnt werden muß.

Dieser unentrinnbaren Schwermut wirkten Hawthornes aufgeklärte, sinnenfreudige Frau Sophia und seine Tochter Una entgegen, die Vorbilder für Hester und Pearl in The Scarlet Letter. Sophia ernährte ihren Mann denn auch von ihren Ersparnissen, während er The Scarlet Letter zu Papier brachte. Dem Roman war gleich bei der Veröffentlichung 1850 ein beträchtlicher Erfolg beschieden; Hawthorne sah sich der dringlichsten materiellen Sorgen enthoben und konnte schon 1851 The House of the Seven Gables hinterherschicken. Obwohl Hawthorne nachher wohl nichts Gleichwertiges mehr gelang, hatte er Geld genug, um England und Italien zu bereisen. Dort gefiel es ihm besser als in den Vereinigten Staaten, die auf den Bürgerkrieg zutrieben — der im Vorfeld der Hexenprozesse spielende Scarlet Letter (ein Jahrhundert nach dessen Veröffentlichung wählte Arthur Miller aufgrund der Kommunistenverfolgung Joseph McCarthys diese Hexenjagd als literarisches Sujet) kann gewissermaßen als „Vorkriegsroman“ bezeichnet werden. Ungefähr ab Kriegsausbruch 1861 ging es Hawthorne gesundheitlich immer schlechter; er plante vier weitere Romane, brachte es jedoch über Fragmente nicht mehr hinaus. Er verstarb am 19. Mai 1864, während die Truppen der Nordstaaten die Südstaaten verwüsteten. Sophia und Una überlebten ihn nur wenige Jahre.

Als literarisches Vorbild für The Scarlet Letter lägen vordergründig Goethes Wahlverwandtschaften nahe, doch allenfalls zwischen dem schuldbelastet-depressiven Eduard und Arthur Dimmesdale könnte eine Verwandtschaft bestehen; Charlotte und Ottilie weisen kaum Berührungspunkte mit Hester und Pearl auf. Dagegen ist die Ähnlichkeit des male couple Dimmesdale und Chillingworth mit Faust und Mephisto kaum zu übersehen. Die zeitgenössische Kritik verglich Hawthorne — vorwiegend zu dessen Nachteil — mit Ludwig Tieck, E. T. A. Hoffmann, de la Motte-Foqué und Chamisso; es ist interessant zu sehen, wie hoch die deutsche Literatur Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA geschätzt wurde.

The Scarlet Letter steht vermutlich nicht als Auslöser, doch immerhin als chronologisch erstes Glied in einer Kette von literarischen und musikalischen Werken über Ehebrecherinnen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Um diese Zeit begann die Zerreißprobe des Bürgertums spürbar zu werden: In Europa wurde es einerseits immer noch von der Aristokratie unterdrückt; zur anderen Seite hin beutete es die Arbeiterklasse zusehends aus. Aus Auflehnung gegen den bürgerlichen Materialismus, demzufolge man nur so viel galt, wie man an Gütern und Einkünften besaß, zog Hawthornes guter Bekannter Henry David Thoreau in die Wälder und lebte ausschließlich von der eigenen Produktion, worüber er 1847 in seinem Buch Walden Rechenschaft ablegte (Dimmesdale und Pearl, wie Hawthorne selbst, wagen diesen Ausstieg aus der Gesellschaft nicht). Ein Jahr später erschien das Kommunistische Manifest. Nach der Niederschlagung der Revolutionen von 1848/49 wurde die Auflehnung einer Frau gegen die Fesseln ihrer Ehe möglicherweise zur Chiffre für die Auflehnung des bürgerlichen Künstlers gegen die Obrigkeit. Viereinhalb Monate nach der Veröffentlichung des Scarlet Letter nahm Verdi die Arbeit an seiner Oper Stiffelio auf, deren Titelfigur überraschenderweise wie Dimmesdale ein Sektenpfarrer ist (hier ist die Ehebrecherin nicht seine Geliebte, sondern seine Gattin). 1854-59 portraitierte Wagner in Die Walküre und Tristan und Isolde höchst sympathische Ehebrecherinnen; gleichzeitig schreib Flaubert Madame Bovary; Verdi ließ 1859 in Un ballo in maschera den Ehebruch mehr oder weniger durch Zufall nicht zum Vollzug gelangen. Nach der Zerschlagung der Pariser Commune und im Vorfeld der Ermordung des Zaren Alexander II. entstanden Tschaikowskys Francesca da Rimini (1876) und Eugen Onegin (1878; hier wird der Ehebruch trotz heftigster Versuchung nicht vollzogen), während Tolstoj Anna Karenina schuf. Ibsens Nora traf dann 1879 den Kern des Problems: Die Titelfigur tauscht nicht mehr den einen Mann gegen den anderen aus, sondern verläßt aus eigener Kraft den Gatten, der sie nicht ernst nimmt. Gegen Ende des Jahrhunderts wurde das Thema Ehebruch vielfach bearbeitet: von Tolstoj 1889 in der Kreutzersonate; von Mascagni 1890 in Cavalleria Rusticana; von Leoncavallo 1892 in I Pagliacci; von Fontane 1895 in Effi Briest. Zu den späteren Behandlungen des Themas gehören Francesca da Rimini von Rachmaninoff (1906) und Zandonai (1914); Pelléas et Mélisande (1902) von Debussy. Als Puccini 1914 Il Tabarro komponierte, war der Erste Weltkrieg ausgebrochen: Zu einem Zeitpunkt da die herrschenden Verhältnisse auf den Kopf gestellt wurden, war es vorerst nicht mehr nötig, die Auflehnung gegen sie durch die Figur einer Ehebrecherin zu versinnbildlichen. Obwohl The Scarlet Letter bereits seit 1851 in deutscher, seit 1852 in französischer Übersetzung vorlag, bezog sich keiner der genannten Autoren und Komponisten ausdrücklich auf Hawthorne, dessen Ruhm heute wie zu Lebzeiten weitgehend auf die Vereinigten Staaten beschränkt geblieben ist.

Fredric Kroll

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